Gibt es feministische Blogs überhaupt noch? Und Frauen und Männer? Und…

Blogs sind tot!“, finden zwei der Blogger*innen, die ich kürzlich interviewt habe. Sie sind der Auffassung, dass – im Vergleich zu ‚damals‘, zu den Hochzeiten des feministischen Bloggens, so vor ca. zehn Jahren – heute in der feministischen Blogosphäre nichts mehr los ist. Und dass die Debatten inzwischen woanders stattfinden, auf Twitter, Facebook, Instagram und so… „Aber ich blogge weiter!“ lautet gleich darauf die klare Ansage von beiden, so nach dem Motto: ‚Blogs sind tot. Es leben die Blogs!‘
Diese Lebendigkeit lässt sich in diesen Tagen beobachten: Plattform-übergreifend findet eine – sehr lebendige – feministische Debatte statt, bei der auch Blogger*innen eine Rolle spielen. Ausgelöst durch den Post Gibt es Frauen und Männer überhaupt von Antje Schrupp auf dem Blog 10nach8 diskutieren Feminist*innen auf Blogs, auf Twitter und andernsorts über einen „Uterus-Fokus“ (Stokowski) im Feminismus und reflektieren die damit verbundenen Ausblendungen und Ausschlüsse, siehe dazu z.B. den Thread von Margarete Stokowsky auf Twitter mit dem Titel „Schönen guten Tag, die Uterus- & Kinderwunsch-Nachweise mal bitte zur Kontrolle – ???Wenn im Feminismus insbesondere Menschen, die „Schwangerwerdenkönnen“ (Schrupp) fokussiert werden, würde ausgeblendet, so Stokowski, dass sich Misogynie (Frauenfeindlichkeit) nicht nur in der Diskriminierung von Schwangeren, sondern auch in anderen Bereichen wie z.B. in Gewalt und schlechter Bezahlung von Frauen* äußert. Ausschlüsse entstünden beim ‚Uterus-Fokus‘ dadurch, dass die Verschränkung von Sexismus mit anderen Unterdrückungsmechanismen wie Rassismus, Klassismus, Ableismus und Transfeindlichkeit nicht berücksichtigt werde. Diese Kritik leuchtet mir ein. Einerseits.
Andererseits geht es Antje Schrupp meines Erachtens in ihrem Post erst in einem zweiten Schritt darum, das Thema ‚Schwangerwerdenkönnen‚ – und die damit verbundenen Diskriminierungen von Schwangeren und Menschen mit Kindern (und mit Uterus) – ins Blickfeld des Feminismus zu rücken.
In einem ersten Schritt geht es ihr darum, die vermeintliche Eindeutigkeit des biologischen Geschlechts bzw. einer ’natürlichen‘ Zweigeschlechtlichkeit zu hinterfragen. Sie erläutert, dass die Kategorien ‚Frau‘ und ‚Mann‘ – auch wenn es um das ‚biologische‘ Geschlecht geht – von Menschen gemachte, kulturelle Konstrukte sind und dass in Deutschland „schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen leben, die nicht eindeutig einer der beiden Seiten zugeordnet werden können“ (Schrupp). Schon im Europa der Aufklärung sei ‚die Natur‘ bei dieser Unterscheidung von ‚Frauen‘ und ‚Männern‘, so Antje Schrupp, „ein recht unzuverlässiger Ausgangspunkt (gewesen), dem mithilfe von Recht, Bildung und Medizin nachgeholfen werden musste.“ Mit Bezug auf die Arbeiten der Soziologin Oyèrónkẹ́ Oyèwùmí liefert sie zudem ein Beispiel für eine Kultur – hier die Kultur der Yoruba im vorkolonialen Nigeria –, in der nicht zwischen ‚Frauen‘ und ‚Männern‘ unterschieden wurde und in der es diese Begriffe gar nicht gab. (By the way: Kritiken zu diesem Argument greift sie auf ihrem Blog Aus Liebe zur Freiheit auf.)

Und feministische Debatten(-Kultur)?
Eine gut nachvollziehbare Darstellung der Kontroverse um den Post „Gibt es Frauen und Männer überhaut“ liefert m.E. die queer-feministische Künstlerin eve massacre auf ihrem Blog breaking the waves. eve massacre verortet sich selbst in der „Enby- und Transgenderecke“ (Enby: Abkürzung für non-binary = nicht-binär). Sie liest den Beitrag von Antje Schrupp anders als beispielsweise Margarete Stokowski, nämlich so:
„Wenn ich es richtig verstehe, liegt der Hund im Ende begraben, wo [bei Schrupp] Folgendes zu lesen ist: ‚Das feministische Projekt, das heute ansteht, bestünde hingegen darin, genau diese Personen – Menschen mit Uterus, die Kinder gebären (möchten) – als politische Subjekte zu positionieren, deren Interessen, Anliegen und Bedürfnisse nicht länger missachtet werden dürfen.‘“ Eve Masscre weiter: „Das ist unscharf formuliert und kann bedeuten: 1.) NUR solche Personen sollen das politische Subjekt des Feminismus sein. Oder: 2.) Diese Personen sollen AUCH einen Platz als politische Subjekte des Feminismus bekommen. Die Lösung im Sinne Antje Schrupps ist 2.), was eigentlich allen auch im darauf folgenden Satz hätte klar werden können: ‚Es wäre der Kampf für eine Gesellschaft, in der Menschen AUCH DANN nichts an Einfluss, Macht, Wohlstand und Lebensoptionen verlieren, wenn sie schwanger sind oder kleine Kinder versorgen.‘ (Hervorhebung von mir) [d.h. von eve massacre]“
Diese Lesart kann ich gut nachvollziehen und finde noch einen anderen Punkt im Blogpost von massacre bedeutsam. Sie formuliert einerseits ihr Unbehagen darüber, dass sich „der Tonfall von Trans- und Enby-Queerfeminismus-Twitter in großen Teilen über die letzten Jahre sehr verschärft hat“. Zugleich reflektiert sie mögliche Gründe dafür. Damit greift sie die Frage auf, wie „wir“ im Netz miteinander diskutieren wollen und inwiefern Macht-Ungleichheiten „unsere“ Debatten-Kultur mit beeinflussen. Einen Grund für die scharfen Töne sieht sie darin, dass die Ausgangspositionen ungleich sind, was auch mit verschiedenen Reichweiten der Blogger*innen bzw. Diskutand*innen zu tun hat, also auch mit unterschiedlicher Diskurs-Macht. Von Bedeutung sei auch die Erfahrung von Menschen in marginalisierten Positionen, dass ihre Lebensrealitäten und Argumente immer wieder ignoriert bzw. überhört werden.

Zu der hier nur angerissenen Diskussion gibt es noch diverse weitere Beiträge und zum Beitrag von Antje Schrupp auf 10nach8 finden sich heute 759 Kommentare, auf die ich hier nicht mehr eingehen kann und die, na klar, auch nicht alle aus einer feministischen Perspektive formuliert sind.
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