Schreiben um zu sein

„Wir schreiben, um zu begreifen. Wir schreiben, um zu schreiben. Wir schreiben, um zu sein“, schreiben Hannah C. Rosenblatt auf „Ein Blog von Vielen“ und bringen damit zum Ausdruck, was auch ich oft empfinde: dass das Schreiben helfen kann, mir über etwas klar zu werden, etwas zu verstehen.
Es kann auch helfen, „in die Welt zu treten“, sichtbar_er zu werden und – vielleicht auch für uns selbst – deutlicher vernehmbar, lebendig_er zu werden.
Schreiben hat auch einen Wert für sich („schreiben, um zu schreiben“): Manche von uns tun es einfach nur, um es zu tun – und vielleicht auch ein bisschen, weil es Spaß macht und gut tut.
Zum Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist Teil des Verstehensprozesses, sagt Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus (1964) und betont damit die heuristische, die Erkenntnis-produzierende Funktion des Schreibens. Von diesen und weiteren Motiven und Funktionen des Schreibens berichten feministische Blogger*innen in den Interviews in diesem Projekt und auch auf in ihren Blogposts, hier findet ihr eine Auswahl.

Der Schwerpunkt dieser Blogschau März und April 2021 liegt auf dem Schreiben – und damit meine ich das Schreiben in allen Genres. Im Sinne eines erweiterten Schreibbegriffs geht es auch um’s Erzählen, Zeichnen, Podcasten und so weiter und so fort. Dabei fällt mir auf, dass ich noch (fast) gar keinen feministischen Blog/Vlog in Gebärdensprache kenne… Werde mich also auf die Suche machen und falls ihr da einen Tipp habt, freue ich mich!
Einige der Blogposts im März und April 2021 beschäftigen sich – in journalistischen, aktivistischen und/oder wissenschaftlichen Texten – mit Fiction und Literatur(-betrieb) aus diskriminierungskritischer Perspektive. Andere Posts spiegeln lyrische und literarische, biografische und essayistische Blicke auf die Welt. Dabei spielt, na klar, die Pandemie weiterhin eine wichtige Rolle und auch die Frage nach feministischem Aktivismus in Zeiten von Corona und der Digitalisierung stellt sich in vielen Posts.
Die Blogschau gliedert sich diesmal in diese Rubriken:

Schreiben & Lesen
Hier findet ihr lyrische, literarische und biografische Texten u.a. über das Da-sein, das Unterwegs-Sein, das Eine*-Andere*- bzw. Woanders-Sein, über das Mehrere-gleichzeitig-Sein und über das Mutter-Sein (& Ableismus) sowie Posts zu

  • Frauenfeindlichkeit in der Literaturkritik und im Journalismus
  • Antisemitismus, Rassismus, fehlender Vielfalt und Ausschlüssen in Poesie und im Literaturbetrieb
  • gendergerechter Sprache und
  • Buchempfehlungen & Linktipps

COVID und wie weiter?
…mit feministischen Analysen dazu, wie die Pandemie die soziale Ungleichheit weiter verschärft und mit Begründungen, warum ihr_wir die Kampagnen #ZeroCovid, #WerHatDerGibt und COVID-19: Impfpatente Aussetzen – (unser) Leben retten! unterstützen sollten
… und mit persönlich-politischen Einblicken in den Alltag in der Pandemie, z.B. aus der Perspektive von geflüchteten FLINTA* (FrauenLesbenInterNonBinärTransAsexuellen)

Aktivismus:
mit…

  • Rückblicken auf den 8.März
  • Posts zum Tag der lesbischen Sichtbarkeit am 26.4.
  • zum Gedenken an Rita Awour Ojunge und zur Kampagne „Kein Lager für Frauen und Kinder, Alle Lager Abschaffen!“
  • coolen Interviews von Feminismus im Pott zu (online-)Aktivismus (nicht nur) in Pandemiezeiten – teils aus intersektionaler Perspektive und u.a. mit einem Schwerpunkt auf Ableismus und Antisemitismus

    Ich schreibe diese Blogschau unter dem Eindruck der bestürzenden Nachricht, dass am letzten Mittwochabend (28.4.) in #Potsdam vier Menschen mit Behinderungen ermordet und eine Person schwer verletzt wurde_n.

    Wir trauern um:

Martina W.
Christian S.
Lucille H.
Andreas K.

Ihren Angehörigen und Freund*innen gilt mein aufrichtiges Mitgefühl.
Die Berichterstattung zu diesen Gewalttaten und zur Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen in Wohnheimen ist größtenteils von ableistischen Sichtweisen und Begriffen geprägt. Ich empfehle dazu die Tweets und Threads von Laura Gehlhaar @LauraGehlhaar, Rebekka Maskos @RMaskos und Raul Krauthausen @raulde zu lesen, zum Einstieg vor allem diesen Tweet von Raul Krauthausen.

Dass ich diesen Text hier – mit ein paar Tagen Verspätung statt am 30.4. – am 3.5. veröffentliche, hat damit zu tun, dass ich, wie fast immer, für’s Recherchieren, Lesen und Schreiben doch länger gebraucht habe – bzw. mir mehr Zeit gegönnt habe – als geplant… Außerdem wollte ich zwischendrin noch kurz „Ein Zimmer für sich allein“ von Virginia Woolf zu Ende lesen, das ich, nach einer ersten Lektüre in den 1990er Jahren, gerade mit Vergnügen nochmal (neu) gelesen habe. Woolf kommt darin ja u.a. zu dem Schluss: „Eine Frau muss Geld haben und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Fiction schreiben will.“ (Woolf 1929, Ausgabe v. 1997, S. 8) Ich würde ihr da weiterhin zustimmen, wobei die ich die Forderung nach Geld und einem (bezahlbaren) Zimmer bzw. Wohnraum auf alle Menschen ausdehnen würde. Angesichts der mit der Pandemie zunehmenden Gewalt gegen Frauen und Kinder, der weiteren Ausgrenzung ohnehin schon benachteiligter Bevölkerungs- und Berufsgruppen und der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen Arm und Reich möchte ich euch deshalb nochmal ans Herz legen, die Kampagnen #ZeroCovid, #WerHatDerGibt und COVID-19: Impfpatente Aussetzen – (unser) Leben retten! zu unterstützen – falls ihr es noch nicht getan habt;), weil sie sich für eine sozial gerechte und diskriminierungssensible Gestaltung und Finanzierung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einsetzen.

Wie immer freue ich mich über euer Feedback.
@ Emma Sosa Moreno: Muchísimas Gracias für die Illustration zu diesem Post!