„Wir sind alle Cyborgs“ und „Schreiben ist die bedeutendste Technologie der Cyborgs“ sind zwei Thesen von Donna Haraway, die sie vor über 40 Jahren formulierte (1985).
In diesem Post erfährst du, warum auch ich finde, dass wir alle Cyborgs sind und warum das Schreiben, z.B. von Blogs, Romanen, Computer-Programmen und Algorithmen, Gedichten, Manifesten, Gesetzen, Comics, Drehbüchern u.a. weiterhin eine unserer bedeutendsten Technologien ist.
Wir sind alle Cyborgs
Wenn ich U-Bahn fahre und die Menschen beobachte – oder auch draußen auf der Straße, im Supermarkt, im Seminar, beim Mittagessen mit Freund*innen – denke ich oft:
„Wir sind doch alle mit unseren Smartphones_i-phones_Fairphones, Earpods und Smartwatches schon verwachsen. Wir sind alle Cyborgs (geworden), oder etwa nicht?“
Dann erinnere ich mich an Donna Haraway, die (als weiße US-amerikanische Naturwissenschaftshistorikern, Biologin, sozialistische Feministin und Professorin für die Geschichte des Bewusstseins und Gender Studies) schon vor 40 Jahren in ihrem „Manifest für Cyborgs“ (engl: 1985, dt. 1995) die These aufstellte, dass wir alle Cyborgs sind: kybernetische Organismen, also eine Mischung aus Mensch_Organismus und Maschine_Steuerungstechnologie.
Als Haraway ihren Essay schrieb, war das Internet noch gar nicht das WorldWideWeb, das wir heute kennen: mit Zugang für Viele (oder sollte ich schreiben: für Einige – je nachdem, wo sie leben, ob sie es sich leisten können, ob die Technologie vorhanden ist oder ob ihre Regierung ihnen gerade Zugang zum Netz gewährt oder auch nicht…
1985 war das Internet vor allem eine digitale Technologie und ein virtueller Raum für Wissenschaftler*innen und Militärs. Haraway begründete ihre Beobachtung mit der Biotechnologie und Prothetik, mit Kommunikations- und Kriegstechnologien, die schon damals viele Beispiele dafür lieferten, dass menschliches Leben und analoge/digitale Technologien eng miteinander verwoben sind.
Wenn wir heute mit Begriffen wie „post-digitaler“ Gesellschaft, „Kultur der Digitalität“ oder Mediatisierung auf dieses Phänomen hinweisen: dass sich on- und offline-Räume, digitale und analoge Technologien und virtuelle und physische Lebens-Welten gar nicht mehr voneinander trennen lassen, liegt es nahe, uns an Haraways These zu erinnern: „Wir sind alle Cyborgs“.
Und es liegt nahe, einfach zum Spaß (oder zum Erschrecken…) Marge Piercys Science Fiction Roman „Er, Sie Es“ (engl. 1991; dt. 1993) noch einmal zu lesen, in dem ein Cyborg bzw. Androide (humanoider Roboter) und „digitally enhanced“, (digital optimierte) Menschen eine wichtige Rolle spielen. Piercy hat sich beim Schreiben von Haraways Essay inspirieren lassen (1991: 431) – und lädt uns mit ihrem Roman dazu ein, unser heutiges post-digitales (Cyborg-)Leben zu reflektieren.
Schreiben ist die wichtigste Technologie der Cyborgs
Auch Haraways zweite These finde ich super spannend und aktuell. Sie schreibt:
„Das Schreiben ist die bedeutendste Technologie der Cyborgs.“ (1995: 65)
Und hier meint sie mit Cyborgs (uns) Feminist*innen als politische Subjekte und zugleich die Cyborg als feministische Erzählfigur (ebd.: 202), wenn sie hervorhebt:
„Die zeitgenössische Science Fiction wimmelt von Cyborgs, Geschöpfen – Tier und Maschine in einem –, die Welten bevölkern, die vieldeutig zwischen natürlich und hergestellt changieren.“ (1995: 34)
So findet sie Cyborgs in der Science Fiction-Literatur von Oktavia Butler, Joana Russ, Samula Delaney und weiteren Autor*innen, die sie als „unsere GeschichtenerzählerInnen“ (ebd: 62) bezeichnet, die „ (…) erkunden, was es bedeutet, in den Welten der Hochtechnologie verkörpert zu sein.“ (ebd.)
Dabei nutzt sie die fiktive Erzählfigur zugleich als Metapher für eine emanzipatorisch-feministische politische Subjektivität. D.h. als eine Art „Modell“ dafür, wie digitale Technologien als Teil des eigenen Selbst betrachtet und zugleich im Sinne einer nachhaltigen und basisdemokratischen Kultur, Politik und Wirtschaftsweise weiterentwickelt und genutzt werden können. Sie versteht Feminismus, so wie ich sie lese, in einem intersektional-materialistisch-queer-feministischen Sinne (1) und nimmt eine Kapitalismus-, Kolonialismus- und Militarismuskritische Perspektive ein.
Warum ist das Schreiben laut Haraway für Feminist*innen eine so bedeutende Technologie?
Dafür nennt sie zwei Gründe. Es ist wichtig,
1. weil wir im Literarischen Schreiben, z.B. in der Science Fiction, neue und bessere Welten beschreiben können (im Sinne eines „storying otherwise“/“anders und andere Geschichten erzählen“), die uns als Zukunfts-Visionen dienen können,
2. weil wir im Schreiben von Code, d.h. im Programmieren und Designen von Technologie, Einfluss auf unsere Lebensbedingungen und digitalen Infrastrukturen nehmen und diese in einem emanzipatorischen und nachhaltigen Sinne mit-gestalten können.
1: Zum literarischen Schreiben und „storying orherwise„:
Indem Haraway das Schreiben als bedeutendste Technologie der Cyborgs markiert, weist sie auf zwei Dinge hin:
– erstens, darauf, dass literarisches Schreiben auch Imaginations-/Visionierungs- und Theorie-Arbeit sein kann und
– zweitens darauf, dass gerade BIPoC-Autor*innen im Kontext des US-amerikanischen Schwarzen Feminismus die besondere Bedeutung des Schreibenkönnens und -dürfens hervorheben. Dabei nimmt sie Bezug auf BIPoC-Autor*innen wie Audre Lorde, Gloria Anzaldúa, Cherrie Moraga und andere.
Mit dem folgenden Zitat möchte ich Haraway diesen Zusammenhang etwas ausführlicher in ihren eigenen Worten darlegen lassen:
„Die Fähigkeit des Lesens und Schreibens ist (…), ein besonderes Kennzeichen von BIPoC1-Frauen*2, das sich BIPoC- Frauen* und Männer* in den USA im Verlauf einer Geschichte angeeignet haben, in der Lesen und Schreiben zu lernen oder zu lehren mit Lebensgefahr verbunden war. Schreiben hat einen besonderen Stellenwert für alle kolonisierten Gruppen. Schreiben spielt in der westlich-mythischen Unterscheidung von schriftlosen und Schrift-Kulturen, primitiven und zivilisierten Kulturen eine entscheidende Rolle (…). Auseinandersetzungen um die Bedeutung des Schreibens stellen gegenwärtig eine wichtige Form des politischen Kampfes dar. Dem Spiel des Schreibens freien Lauf zu lassen, ist eine todernste Angelegenheit. Die Lyrik und die Erzählungen von BIPoC-Frauen* in den USA behandeln vielfach das Schreiben selbst, den Zugang zur Macht des Bezeichnens. (…)
Das Schreiben der Cyborgs handelt vom Willen zum Überleben, nicht auf der Grundlage ursprünglicher Unschuld, sondern durch das Ergreifen eben jener Werkzeuge, die die Welt markieren, die sie als Andere markiert hat.
Diese Werkzeuge sind häufig wieder- und neu erzählte Geschichten, Versionen, die die hierarchischen Dualismen naturalisierter Identitäten verkehren und verrücken. Im Wiedererzählen der Ursprungserzählungen untergraben die Cyborg-AutorInnen die zentralen Mythen vom Ursprung der westlichen Kultur. Wir alle sind durch diese Ursprungserzählungen und deren Sehnsucht nach Erfüllung in der Apokalypse kolonisiert worden. Die für feministische Cyborgs wichtigsten, phallogozentrischen Ursprungserzählungen sind in Schreibtechnologien wie Biotechnologie und Mikroelektronik eingelassen, die die Welt schreiben und die unsere Körper gerade erst als Kodierungsprobleme auf der Grundlage des Koordinatensystems C3I textualisiert haben. Die Geschichten feministischer Cyborgs haben die Aufgabe, Kommunikation und Intelligenz neu zu codieren, um Kommando und Kontrolle zu untergraben.“ (Haraway 1995: 63f., meine Hervorhebungen)
2: Zum Schreiben von Code (Design von Technologie und Infrastruktur)
In ihrem „Cyborg Manifest“ stellt Haraway die Frage, wie „wir“ uns heute zur Entwicklung der digitalen Computer-Technologien verhalten wollen, können oder sollten. Da diese Technologien in einem militärischen Kontext „geboren“ wurden, läge eine grundsätzlich Technik-ablehnende Haltung nahe….
Zugleich fragt sie, was mit einer Technik-zugewandten Haltung gewonnen werden könnte: D.h.mit einer Perspektive, in der die Technologien im Sinne eines „Storytelling for earthly survival“ (Terranova 2016), d.h. im Sinne eines Geschichten-Erzählens für das Überleben der Erde, entwickelt werden. Einer Perspektive, in der digitale Technologien so designt und codiert werden, dass sie in einem ökologischen und herrschaftskritisch-emanzipatorischen Sinne wirken können.
Haraway stellt sie drei dominante Grenzziehungen in Frage: die zwischen Tier und Mensch, zwischen Organismus (Tier-Mensch) und Maschine und zwischen Physikalischem und Nichtphysikalischem. Sie zeigt auf, dass diese Grenzziehungen keine natürlichen, sondern von Menschen gemachte, also kulturell hervorgebrachte, Grenzziehungen sind. Und sie plädiert dafür, diese Grenz-Konstruktionen hinter sich zu lassen:
„Mein Cyborgmythos handelt also von überschrittenen Grenzen, machtvollen Verschmelzungen und gefährlichen Möglichkeiten, die fortschrittliche Menschen als Teil notwendiger politischer Arbeit erkunden sollten.“ (ebd.: 39)
Sie ermutigt dazu, die Verwobenheit und nahe Verwandtschaft (kinship) von Menschen, Tieren und Maschinen/Technologie anzuerkennen. Bezogen auf die Technologie gehe es darum, sie als Teil unseres Selbst und unserer Kultur wahrzunehmen, auch um sie kritisch betrachten und in einem emanzipatorischen Sinne mitgestalten zu können. Dabei sieht sie auch die damit verbundenen Herausforderungen:
„Das große Problem mit den Cyborgs besteht allerdings darin, dass sie Abkömmlinge des Militarismus und patriarchalen Kapitalismus sind, vom Staatssozialismus ganz zu schweigen.“ (ebd.: 36).
Haraway bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen einer Technologie-kritischen Haltung, die das „Erbe“ und die fortbestehende Nähe der (Computer-)Technik zum militärisch-industriellen Komplex berücksichtigt, und einer Haltung, die die Technologie zugleich nutzend_verändernd mit- und umgestalten will, d.h. die andere Codes bzw. Programme und andere Technologie(-geschichten) schreiben will – im Sinne eines „Storying otherwise“. Dieses Spannungsfeld skizziert sie so:
„Aus einer Perspektive könnte das Cyborguniversum dem Planeten ein endgültiges Koordinatensystem der Kontrolle aufzwingen (…). Aus einer anderen Perspektive könnte die Cyborgwelt gelebte soziale und körperliche Wirklichkeit bedeuten, in der niemand mehr seine Verbundenheit und Nähe zu Tieren und Maschinen zu fürchten braucht (…). Der politische Kampf besteht darin, beide Blickwinkel zugleich einzunehmen, denn beide machen sowohl Herrschaftsverhältnisse als auch Möglichkeiten sichtbar, die aus der jeweils anderen Perspektive unvorstellbar sind.“ (40)
Einer dieser politischen Kämpfe ist der um ein feministisches Internet als „Internet für alle“ – frei von Ausschlüssen, Diskriminierung und Gewalt. Falls ihr mehr darüber erfahren wollt, lest doch einfach unter „Feministisches Internet“ weiter.
Im Jahr 2026 bedeutet auch Schreiben mit KI (Künstlicher Intelligenz), wie z.B. ChatGPT. Welche feministisch-emanzipatorischen Ansätze es zu KI (Design, Nutzung und Regulierung) es gibt, erfahrt ihr unter „Ein Internet für alle“.
P.S.: Haraways „Ein Manifest für Cyborgs“ (1985/1995) ist eine der grundlegenden Arbeiten der feministischen Science and Technology Studies (STS) und des Techno- bzw. Cyberfeminismus. Ich finde es immer noch hochaktuell und super spannend zu lesen. Und ich wundere mich manchmal, wie wenig der „Mainstream“ der Internet- und Digitalisierungsforschung sich darauf noch bezieht. Aber worüber wundere ich mich da eigentlich?
P.P.S.: Aus aktuellem Anlass: Strategien und Kämpfe gegen digitale Gewalt
Ich wundere mich auch und wundere mich zugleich auch nicht …
… und bin doch wieder zutiefst schockiert über die digitale Gewalt, die Collien Fernández im Netz erleben musst(e) und zu der sie sich jetzt (erneut) öffentlich äußert. Sie ist eine von vielen Frauen* und Personen, die von digitaler Gewalt betroffen ist (hier: mittels sexistisch codierter und genutzter KI).
Falls du auch betroffen bist und Hilfe suchst, findest du Informationen unter: „Liebe organisieren“ – Beratung und Selbstverteidigung gegen Hass und Gewalt im Netz.
Falls du mehr darüber wissen möchtest, wie wir mit der Technologie des Schreibens (von Code, Literatur, Konzepten, Gesetzen, Manifesten, etc.) ein Feministisches Internet gestalten können, lies gern weiter unter „Ein Internet für Alle“- Design, Technik, Infrastruktur.
Fußnoten:
(1): denn sie denkt neben sexistischen auch rassistische und weitere Herrschaftsverhältnisse mit, stellt binäre und biologistische Differenzierungen zwischen Frau/Mann, Körper/Geist, Natur/Kultur, Tier/Mensch etc. in Frage)
1 In der deutschen Übersetzung von 1995 wird hier das Wort „farbig“ verwendet. Da dies eine rassistische Fremdzuschreibung ist, haben wir sie im Zitat durch BIPoC als Selbstbezeichnung von Black, Indigenous und People of Color (BIPoC) ersetzt.
2 Zudem haben wir die Bezeichnungen Frau und Mann jeweils durch ein Sternchen* ergänzt, da Haraway sich gegen essentialistische Verständnisse von vergeschlechtlichter Identität wendet und Geschlecht nicht dualistisch, sondern als ein Spektrum begreift.
3 „C (hoch3) I“ steht für „Command-Controll-Communication-Intelligence“, das Kürzel des US-Militärs für Planungstheorie. (Haraway 1995: 52)